5.2 Posttraumatisches-Stress-Syndrom
Als Sonderfall von Stress muss auch das Posttraumatische-Stress-Syndrom
(PTBS) genannt werden. Nach der 4. Auflage des "Diagnostic and Statistical
Manual of Mental Disorders" (DSM-IV) von 1994 (AMERICAN PSYCHIATRIC ASSOCIATION)
wird PTBS wie folgt definiert:
Das PTBS wird beschrieben als ein Ereignis, bei der eine Person von
einem extremen traumatischen Stressor betroffen ist und die beiden folgenden
Bedingungen gewährleistet sein müssen.
1. Die Person erfährt direkt ein oder mehrere Ereignisse, die tatsächlichen
oder befürchteten Tod , Verletzungen oder die Bedrohung der physischen
Integrität einer anderen Person beinhalten. Oder eine Person erfährt
einen unerwarteten oder gewalttätigen Tod, ernsthafte Schäden,
eine Bedrohung durch Tod, Verletzung eines Familienmitgliedes oder eines
anderen Nahestehenden.
2. Die Reaktion der Person auf das Ereignis muss mit intensiver Angst,
Hilflosigkeit und Horror einhergehen. Bei Kindern muss die Reaktion verwirrtes
oder aufgeregtes Verhalten beinhalten.
Relevante Faktoren für die Entstehung einer psychischen Traumatisierung
sind:
-
Schwere Körperverletzung, Entstellung, Verstümmelung oder Behinderung
-
Angst vor schwerer Körperverletzung, Entstellung, Verstümmelung
oder Behinderung
-
Todesangst
-
Folter
-
Angst vor Folter
-
sexuelle Übergriffe
-
Angst vor sexuellen Übergriffen
-
Miterleben des plötzlichen Todes einer Person. Mitansehen, wie eine
Person starke Schmerzen oder physische Verletzungen erleidet
-
Sorge, in der Verantwortung versagt zu haben, mit der Folge von Personenschaden
-
Eindruck, betrogen worden zu sein
-
Tod oder Verletzung von Kindern
-
Überzeugung, in der Verantwortung versagt und dadurch anderen Schaden
zugefügt zu haben
-
Überzeugung, ungerechtfertigt überlebt zu haben oder geflohen
zu sein und dabei keinen körperlichen Schaden davongetragen zu haben
-
Überzeugung, jemand oder etwas verraten zu haben
-
Verletzung von oder Widerspruch gegen Grundüberzeugungen (Gott, Freundschaft,
Loyalität, Fairness, Gerechtigkeit, Treue oder Kompetenz)
-
Schamgefühle in Verbindung mit anderen als den vorgenannten Faktoren
-
Schuld in Verbindung mit anderen als den vorgenannten Faktoren
-
Krieg
-
Umwelt- oder ökologische Katastrophen.
Viele dieser Situationen, die posttraumatisch erlebt werden können,
gehören zum Rettungsdienstalltag. Im Extremfall wird das Einsatzpersonal
sogar mehrmals täglich mit solchen Situationen konfrontiert.
Zusätzlich kann die Belastung durch ungünstige Arbeits- oder
Umgebungsbedingungen, wie beispielsweise Lärm, große Menschenmengen,
unbekannte Örtlichkeiten, Zeitdruck, Überforderung und Überlastung,
verstärkt werden (BENGEL, J. 1997, S. 62). Wichtig ist, dass diese
potentiellen Auslöser nicht zwangsläufig zum PTBS führen
müssen. Entscheidend ist, dass ein Ereignis vom Betroffenen als überwältigend
empfunden wird und er sich physisch und psychisch diesem Ereignis nicht
entziehen kann. Die Folgen einer psychischen Traumatisierung können
für die weitere Biographie des Betroffenen fatal sein.
Zu den diagnostischen Kriterien eines PTBS gehören neben dem eigentlichen
traumatischen Ereignis das wiederholte Erleben des eigentlichen Ereignisses,
die Vermeidung und Abstumpfung und Symptome erhöhten Erregungsniveaus
(MITCHELL / EVERLY 1998, S. 49 - 51).
Oft wird Rettungsdienstmitarbeitern erst nach einem besonders belastenden
Einsatz deutlich, dass der primär abgeschlossene Einsatz sie innerlich
weiter beschäftigt. Es kann zur Ausbildung von Symptomen kommen, die
jedoch von einem PTBS abzugrenzen sind. Diese Symptomatik wird in der Psychotraumatologie
als akute Belastungsreaktion bezeichnet.
„Der Begriff ‚Reaktion’ weist darauf hin, dass es sich um normale
Reaktionen der Psyche auf unnormale, außergewöhnliche Ereignisse
handelt. Dennoch wirken die Symptome für die Betroffenen stark verunsichernd,
weil sie in den meisten Fällen noch nie etwas von ihnen gehört
haben und sie erstaunt sind, was in ihnen vorgeht. Die meisten Betroffenen
sind fälschlicherweise der Auffassung, nur sie alleine hätten
diese Symptome. Leider werden psychische Symptome, die sich nach besonderen
Belastungen einstellen, als menschliche Schwäche oder als Zeichen
dafür gewertet, für die Arbeit im Rettungsdienst nicht geeignet
zu sein. Daher versucht man, sie zu verschweigen und für sich allein
zurechtzukommen“ (MÜLLER-CYRAN 1997, S. 176).
Es kommt zu ineffizienten Verarbeitungsstrategien, wie Unterdrückung
und Vermeidung von Emotionen und somit zu emotionellem Stress (WAGNER 2000).
Hier ist die Aus- und Fortbildung gefordert, um bestehende Wissensdefizite
zu beseitigen. In der Regel bilden sich die Symptome einer akuten Belastungsreaktion
nach einigen Tagen von selbst zurück.
Die Symptome eines PTBS treten erst mit einigem zeitlichen Abstand zum
traumatischen Ereignis ein. Das akute PTBS beginnt innerhalb von 6 Monaten
nach dem traumatischen Ereignis. Die Symptome treten mindestens einen Monat,
jedoch nicht länger als 6 Monate auf. Ein verzögertes oder chronisches
PTBS beginnt erst später als 6 Monate nach dem traumatischen Ereignis.
Die Symptome dauern mindestens 6 Monate an (JATZKO et al. 1995). Die zwanghafte
und permanente Erinnerung an das traumatische Ereignis tritt immer wieder
auf und ist vom Betroffenen nicht steuer- oder verdrängbar. Vor allem
im Traum wird das Ereignis immer wieder durchlebt. Die Folgen sind Schlaflosigkeit
und Schreckhaftigkeit. Häufig treten Symptome einer Depression, akute
Ausbrüche von Panik, Angst oder Aggression auf. Die Betroffenen versuchen
alles zu vermeiden, das mit dem auslösenden Ereignis zusammenhängt
und Erinnerungen daran auslöst (KÜHN et al. 1998, S. 715-716).
Bisher existieren nur wenige Studien zur Häufigkeit eines PTBS
bei Einsatzkräften des Rettungsdienstes. BENGEL und LANDJI gehen 1997
von einer geschätzten Erkrankungshäufigkeit zwischen 3 und 7%
aus. In diesem Zusammenhang erscheint jedoch eine epidemologische Studie,
die an Einsatzkräften der Berufsfeuerwehr in Rheinland-Pfalz durchgeführt
wurde (WAGNER et al. 1998), von besonderem Interesse. Die Berufsfeuerwehren
sind hier gleichzeitig rettungsdienstliche Leistungserbringer. Es zeigte
sich fast bei jedem fünften (18,24%) Feuerwehrmann eine ausgeprägte
PTBS Symptomatik mit psychischen Auffälligkeiten. Ferner wurden bei
27,04% der Helfer psychische Auffälligkeiten erkennbar, ohne dass
diese auf das Vollbild einer PTBS zurückzuführen sind. Weitere
6,29% berichteten zwar über Belastungssymptome, die für eine
PTBS ausreichen würden, 23,9% erfüllten die Kriterien einer subsyndromalen
PTBS (vgl. BLANCHARD et al. 1996), zeigten aber darüber hinaus keine
psychischen Auffälligkeiten. Lediglich 24,53% aller Einsatzkräfte
der Berufsfeuerwehr zeigten keinerlei relevante psychische Auffälligkeiten.
Erstaunlicherweise konnte kein statistisch bedeutsamer Unterschied
in der Auftretenshäufigkeit von PTBS-Symptomen zwischen den einzelnen
Funktionen innerhalb einer Berufsfeuerwehr nachgewiesen werden. Belastungssymptome
traten nicht nur bei Einsatzkräften auf, die hauptsächlich im
Einsatz- oder Rettungsdienst tätig waren, sondern konnten genauso
bei Leitstellendisponenten beobachtet werden. Sogar bei den Feuerwehrangehörigen,
die lediglich mit Verwaltungsaufgaben betreut waren, ergab sich keine geringere
posttraumatische Belastung als bei den Kollegen in den anderen Funktionsbereichen
(WAGNER et al. 1999).
Die Tätigkeit im aktiven Dienst ist mit einer ständigen Konfrontation
mit trauma-assoziierten Stimuli verbunden, die sich nur durch Aufgabe des
Berufes, Versetzung in eine Position, in der eine Konfrontation mit dem
Einsatzgeschehen ausgeschlossen ist oder krankheitsbedingtes Fernbleiben
vom Arbeitsplatz vermeiden lässt (Wagner 2000). Im Rahmen der Studie
konnte gezeigt werden, dass die Anzahl belastender Einsätze im letzten
Monat und die Berufserfahrung signifikante Prädiktoren für das
Auftreten von PTBS-Symptomen darstellen. In Abhängigkeit von der Berufserfahrung
(in Jahren) und der Häufigkeit, der die Einsatzkräfte belastenden
Ereignissen ausgesetzt waren, stieg die Wahrscheinlichkeit, an einem PTBS
zu erkranken. Darüber hinaus steigt mit dem Ausmaß und der Anzahl
von PTBS-Symptomen gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, an anderen klinisch
relevanten psychischen Störungen zu erkranken. Innerhalb der Subgruppe
mit PTBS-Symptomatik, die im Rahmen der Studie untersucht wurde,
konnten zusätzlich komorbide Auffälligkeiten beobachtet werden.
Zwei von fünf betroffenen Einsatzkräften (39,4%) berichteten
von Depressionen, bei drei von fünf (60,3%) konnten soziale
Dysfunktionen beobachtet werden. Fast jeder fünfte (19%) innerhalb
dieser Subgruppe gestand einen Substanzmittelmissbrauch ein
und fast die Hälfte (46,6%) der von einer PTBS-Symptomatik Betroffen
klagte im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung über erhöhte
körperliche Beschwerden in den Bereichen Allgemeinbefinden, Herz-Kreislauf,
Magen-Darm, Anspannung und Schmerz sowie in der Gesamtsumme aller körperlichen
Beschwerden (WAGNER et al. 1999).
Studien, die zwischenzeitlich in anderen Ländern durchgeführt
wurden, stützen diese Ergebnisse. Bei amerikanischen und kanadischen
Einsatzkräften der Feuerwehr wurden Prävalenzraten von 22,2%
und 17,3% gefunden (CORNEIL et al. 1999;). Diese Untersuchungen zeigen,
dass die Prävalenzrate von PTBS bei Einsatzkräften der Feuerwehr
deutlich über der Rate der Allgemeinbevölkerung liegt. Diese
Berufsgruppe muss deshalb als Hochrisikopopulation für die Entwicklung
einer PTBS bezeichnet werden (WAGNER, 2000). Die Aus- und Fortbildung für
das im Rettungsdienst tätige Personal muss sich deshalb intensiv mit
dieser Problematik auseinandersetzen. Die Auszubildenden müssen über
Ursachen, Symptome, Bewältigungsstrategien und Behandlungsmöglichkeiten
informiert werden.
„Ein Orientierungskurs als Basis und Vorbereitung auf Stress, Angst,
stressbedingte physische Krankheiten, Zeichen und Symptome von starkem
Stress und Psychotraumata ist obligatorisch. Auch PTBS soll hier thematisiert
werden“ (MITCHELL / EVERLY 1998).
Die zu fordernde Integration von Programmen zur psychischen Trauma-Immunisierung
in die Aus- und Fortbildung des im Rettungsdienst tätigen Personals
ist ohne eine flächendeckend organisierte Einsatzbegleitung und Nachsorge
sinnlos. Eine echte Immunisierung gegen traumatische Ereignisse kann auch
durch solche Programme nicht erreicht werden. Deshalb ist es unumgänglich
im Rahmen dieser Arbeit auch die erforderlichen Betreuungs- und Nachsorgeangebote,
deren Akzeptanz und Inanspruchnahme durch die Aus- und Fortbildung gefördert
werden muss, zu thematisieren.
Auf organisationsstruktureller Ebene können durch die Vermittlung
von Nachbesprechungen als Maßnahme für Einsatzkräfte nach
Konfrontation mit einem extremen Stressor Stigmatisierungen vermieden werden.
Da es nach traumatischen Ereignissen zu Kommunikationsstörungen kommt,
muss entsprechend unterstützend auf die Kommunikationsstrukturen eingewirkt
werden. Auf personeller Ebene ist eine psychologische Unterstützung
während Großeinsätzen und die Nachbetreuung nach besonderen
Einsatzvorkommnissen erforderlich (BENGEL / LANDJI 1997). Für die
Nachbetreuung nach belastenden Ereignissen existieren bereits einige
Modelle, die speziell für den Rettungsdienst entwickelt wurden. Diese
Kriseninterventionsangebote haben präventiven Charakter und lehnen
sich an das von MITCHELL (vgl. 1998) entwickelte Programm zur Stressbearbeitung
nach belastenden Ereignissen (SBE) an.
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